Die neue Wasserbewegung: präsent vor Ort und international vernetzt
Die Wasserkrise ist da - auch im Rheinland. Auf der Konferenz Wasser.Klima.Gerechtigkeit in Alfter starteten 250 Personen aus der 10 Ländern die neue Klima- und Wasserbewegung.
„Heringshalle“ steht auf dem Schild von Seminarraum 7. Wir befinden uns im Workshop Roadmap for engaging with flooded people and communities. „Bitte recherchiert ein Flutereignis und findet heraus, wie viele Menschen betroffen waren, wie viele ihre Häuser verlassen mussten und wie es weiter ging. Ihr habt fünf Minuten Zeit“, sagt Sanjay Johal von Flooded People UK. Etwa 30 Personen beugen sich über ihre Smartphones.
Fünf Minuten später hat sich die Welt verändert. Zahlen von Flutopfern und Schäden verbinden Orte, Katastrophen und Leid: Stürme in Österreich, Überflutungen in der Oberlausitz, Starkregen in Valencia, Wasser und Gerölllawinen in den französischen Alpen, Ausnahmezustand im Saarland, Flutkatastrophe in Pakistan.
Bei flooded persons – so nennt Johal die Flutopfer – erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für Depressionen, Ängste und posttraumatische Belastungsstörungen um das Sechs- bis Siebenfache. Die Regeneration brauche Jahre und spezielle Unterstützung, sagt der studierte Katastrophenmanager.
Vision und Mut für eine wassergerechte Welt
Die britische NGO setzt auf Empowerment durch Aktionsgruppen vor Ort. Flutopfer seien aber auch Menschen, die Veränderung in Gang bringen, meint Johal. Denn sie hätten etwas zu sagen. Wir müssten ihnen zuhören.
Ein halbes Jahr lang hat ein Team aus 20 Personen auf dieses Wochenende am Weltwassertag hingearbeitet. Mehr als 300 Teilnehmende aus über 60 Gruppen und zehn Ländern waren vor Ort. 30 Referent:innen stehen auf dem Programm, Vertreter:innen von NGOs, Initiativen, Künstler:innen und auch Behörden.
„Wir haben es geschafft, früher aus der Kohle auszusteigen, Dörfer und Wälder zu retten und wenigstens ein bisschen die Klimakrise einzudämmen“, sagt Alex Wernke vom Trägerverein Klimakollektiv. „Wir stehen jetzt vor Herausforderungen, die immer unlösbarer erscheinen, mit der fortschreitenden Klimakrise, der zunehmenden Zerstörung von Lebensgrundlagen und dem Rechtsruck. Mit der Konferenz wollen wir die Bewegungen verbinden, Hoffnung und Orientierung geben und ihre Wirksamkeit stärken“.
Die Fortsetzung der Apartheid durch ungleichen Zugang zu Wasser
„Der afrikanische Kontinent ist in weiten Teilen wasserreich“, stellt Ruben Castro klar. Der Umweltingenieur forscht zur Wassergerechtigkeitsbewegung in Kenia und Südafrika. In Nairobi gäbe es genug Wasser für alle.
Doch bei der Verteilung des Wassers wirkt die Ungleichheit fort. Anschlüsse gäbe es nur für Industrie, Großkonzerne und Haushalte in den reichen Stadtteilen. Die Mehrheit der Bevölkerung muss Sammelstellen aufsuchen oder teuer für Wasserkanister bezahlen. Die Versorgung übernehme ein Wasserkartell.
Coca-Cola und andere westliche Konzerne verdienen am Flaschenwasser. Sie kooperieren mit den lokalen Eliten und sicherten sich unter dem Deckmantel des Naturschutzes den Zugang zu den Quellen, berichtet Castro. „Diese Machenschaften müssen offengelegt werden, das ist auch unsere Verantwortung“.
Aufstände der Erde in Frankreich
In Frankreich zeigt sich, wie eng die Land- und die Wasserfrage miteinander verknüpft sind. Dort werden mit staatlicher Förderung Megabassines angelegt. Das sind bis zu 20 Hektar große Speicherbecken mitten in der Landschaft, gut fünf Meter tief und von einem hohen Damm eingefasst. 20 Hektar entsprechen 28 Fußballfeldern. Damit das Wasser nicht wegfließt, wird der Boden mit Plastik ausgekleidet.
Das Wasser stammt aus Gewässern und Grundwasser und dient dem intensiven Maisanbau, denn der braucht im Juli und August viel Wasser. „Das sind genau die Monate, in denen wir hier wenig Wasser haben“, sagt Julien Le Guet von der Bewegung Bassines Non Merci Sevre. Der Staat setzt aber auf die Massenproduktion von Mais für den Export als Futtermittel und fördert die Megabassins in Millionenhöhe. Das gefährdet den Wasserhaushalt und die regionale Landwirtschaft.
Die Auseinandersetzungen um das Recht auf Wasser werden immer heftiger. Schlagzeilen machte das Vorgehen der Polizei im März 2023 als 30.000 Menschen gegen den Bau des Megabassines in Sainte-Soline, Westfrankreich demonstrierten.
Nach Angaben der Organisator:innen feuerte die Polizei mehr als 5.000 Tränengas- und Sprenggranaten auf die Demonstrierenden ab und griff Menschen von Quads aus mit Gummihartgeschossen an. Es gab mehr als 200 Verletzte, über 40 Schwerverletzte, darunter zwei Menschen im Koma. Zwei Personen erblindeten, eine andere verlor ihren Fuß. Die Vorfälle sind bis heute nicht aufgeklärt.
„Inzwischen sind Beobachter der internationalen Menschenrechtsliga und der EU-Kommission in unsere Region gekommen, denn hier geschieht ein Verbrechen“, sagt Le Guet. Die Agrarindustrie bezeichnet er als Kartenhaus, das früher oder später zusammenfällt.
Update vom WWF und dem BMUV: Deutschland ist kein Wasser-Musterland
Nur 9 % der deutschen Gewässer sind nach einem Bericht der EU-Kommission in einem guten Zustand. Damit liegt Deutschland weit hinter dem europäischen Durchschnitt von über 30 %. Denn 86 % der Wasserkörper wurden in den vergangenen Jahrzehnten verändert, begradigt, eingedämmt, verkürzt. 98 % leiden unter diffusen Schad- und Nährstoffeinträgen und mit ihnen die aquatischen Lebewesen, berichtet Ruben van Treeck, Referent für Gewässerschutz beim WWF.
Trotzdem ist er hoffnungsvoll. Denn die europäische Wasserrahmenrichtlinie 2000/60/EG ist nach seiner Einschätzung das erste und modernste Wassergesetz mit strengen Vorgaben. Wer sie nicht einhält riskiert Vertragsstrafen.
Auch Anett Baum vom Bundesumweltministerium ist zuversichtlich. In den letzten Jahren hat das BMUV in einem großen Beteiligungsprozess eine nationale Wasserstrategie entwickelt. Sie wurde von allen Ministerien verabschiedet. Das ist eine Revolution findet sie. Die Fortschritte werden jetzt von einer interministeriellen Arbeitsgruppe, kurz IMA überwacht. Das Ziel: Genügend Wasser für Alle in ausreichender Qualität. Die Kosten werden auf 60 Milliarden Euro geschätzt.
Wasserkonflikte in Deutschland
„Diese Frage der Wasserqualität ist noch nicht in der Öffentlichkeit angekommen“, meint Annika Joeres, Buchautorin und Redakteurin bei Correctiv. „Der gesamte Rhein ist voll mit Dingen, von denen wir nicht wissen was die Folgen sind und wie der Cocktail wirkt. Wenn im Rhein Niedrigwasser ist, dann enthält er mehr Abwasser als Rheinwasser“. Das Journalist:innenkollektiv rechecherchiert derzeit, welches Unternehmen welche Giftstoffe in den Rhein einleiten darf.
In Berlin bahnt sich eine große Wasserkrise an, denn die Spree wurde bislang mit den Abwässern des Kohlebergbau in der Lausitz gefüllt. In der Lausitz wiederum fehlte das Wasser. Den Menschen wurde vorgegaukelt, dass sie in Tagebau-Seen baden könnten, sagt Rebekka Schwarzenbach von der Umweltgruppe Cottbus. Ein Rechtsgutachten kam jedoch zur Einschätzung, dass das Seewasser wohl das gesamte 22. Jahrhundert hindurch noch gekalkt werden muss, damit es nicht umkippt.
Im Rheinischen Kohlerevier sieht es nicht viel besser aus. Das Wasserbündnis weist u.a. darauf hin, dass fast alle Trinkwasserbrunnen in der Region unbrauchbar werden.
Auch beim Teslawerk in Grünheide läuft es nicht rund. Die Fabrik wurde im Trinkwasserschutzgebiet gebaut und in einer Region, die jetzt schon unter Wassermangel leidet. Tesla darf Wasser in Größenordnungen verbrauchen, wie eine Stadt mit 40.000 Einwohner:innen. Für den Bau von Kitas und, Schulen gibt es aber keine Genehmigung, weil deren Wasserversorgung nicht sichergestellt werden kann, sagt Karolina Drzewo vom Bündnis Tesla den Hahn abdrehen.
Ein Versprechen für mehr Gerechtigkeit
Widerstand kann viel mehr sein als Demonstrieren oder Blockieren, meint Jay Jordan. Die Aktionskünstler:in bringt seit über 20 Jahren Künstler:innen und Aktivist:innen zusammen. Die Bilder der Clandestine Insurgent Rebel Clown Army gingen um die ganze Welt. In dem Abschlussritual zur Konferenz verbindet Jay die Flüsse, die wieder fließen sollen und die Aktivist:innen, die nicht ausbrennen sollen.
„Es ist ein bisschen so als hätten wir uns am Ende ein Versprechen gegeben, dass wir uns da hineinbegeben in die Auseinandersetzung um unser Wasser und gutes Leben in der Klimakrise“, sagt Alex Wernke. „Jetzt geht es im Regionalen und auch politisch darum die großen Konzerne und ihre Interessen zurückzudrängen und für Gerechtigkeit einzustehen“. Der nächste große Termin steht schon auf den Plakaten: Das Wesercamp auf der Flussinsel Harriersand - gegen die Weservertiefung und für eine gerechte Landwirtschaft.
Text: Dr. Gesa Maschkowski